Die Geschichte des Vereins
Zwar waren alle Gründerfrauen wohlhabende, gut situierte Bürgerinnen, aber auch sie mussten schauen, wo sie das Geld für die Wohltätigkeit beschaffen konnten. Fast alle im Stadt- und Staatsarchiv vorhandenen Korrespondenzen zwischen den GFA und den Behörden drehten sich um finanzielle Beiträge – seien es direkt auszuzahlende Unterstützung von Projekten oder das unentgeltliche zur Verfügung stellen von öffentlichen Räumlichkeiten.
Seit 1888 stellen sich die Gemeinnützigen Frauen Aarau in den Dienst der Gemeinschaft. Die Aufgaben haben sich laufend gewandelt und den Bedürfnissen der Zeit angepasst. Als der Gemeinnützige Frauenverein in Aarau vor bald 140 Jahren gegründet wurde, fand eine über hundertjährige Geschichte ihren vorläufigen End- und Höhepunkt. Die Rede ist von der Schweizerischen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts und als Teil von ihr die Strömung, welche sich dem gemeinnützigen Engagement für die Gesellschaft verpflichtet sah.
Die «Frauenbewegung» selbst definierte sich im Grunde genommen als «organisatorischer Zusammenschluss von Frauen zur Verbesserung ihrer sozialen, politischen und zivilrechtlichen Stellung». Der Verein hat gemäss Statuten «politisch und konfessionell neutral» zu sein. Aber genau in dieser Beziehung gibt es ein Kapitel, mit dem sich die GFA nicht brüsten können. In Sachen «Frauenstimmrecht» gehörten sie nicht zu den Kämpferinnen, ja, offiziell nicht einmal zu den Befürworterinnen. Aus heutiger Sicht ist es fast unbegreiflich, dass sich die GFA nicht aktiv für das Frauenstimmrecht einsetzten. Die wahrscheinlichste Erklärung: Der Verein war auf das Wohlwollen der Politik angewiesen, und Politik war nun mal ausschliesslich Männersache. Immer wieder mussten für die Belange des Vereins Fäden gezogen werden, immer wieder um Geld für Projekte angefragt werden, immer wieder brauchten sie öffentliche Räume (Schulzimmer etc.) und mussten dafür ihre guten Beziehungen zur Regierung spielen lassen. Wären die GFA dannzumal als Emanzen verschrien gewesen, wäre wohl vielen Gesuchen nicht entsprochen worden. Man kann den GFA durchaus Opportunismus vorwerfen. Vielleicht waren sie aber auch einfach schlau und hielten ihre private Meinung für sich?
Um das Elend während der Gründerjahre zu mildern, war Wohltätigkeit gefragt. Die Krankenspeisung gehörte zu den Aufgaben der Gemeinnützigen Frauen ebenso wie das Abgeben von gebrauchten Kleidern und die Unterstützung für ledige Mütter und deren Kinder. Brockenstuben waren die Lösung! In Aarau wurde die Brocki 1916 etabliert. Sie ist bis heute ein existentieller Pfeiler in unserem Verein.
Der damaligen Zeit entsprechend förderten die Gemeinnützigen Frauen neben der dringend benötigten Wohltätigkeit die beruflichen Möglichkeiten der Mädchen und Frauen. Nach dem Leitsatz «Frauen bilden Frauen aus» gründete der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein zahlreiche Hauswirtschaftslehrerinnenseminare, Kindergärtnerinnen- und Lehrerinnenseminare und Krankenschwesterschulen. In Aarau wurden Haushaltungs-, Dienstboten-, Pflegerinnen- und eine Gartenbauschule etabliert.
Nach der Jahrhundertwende wurden die Ausbildungen mehr und mehr vom Staat übernommen. Die letzten Ausbildungsstätten der Schweizerischen Gemeinnützigen Frauen – die Gartenbauschule und die Schule für Textilgestaltung ModeElle in Niederlenz – wurden 2018 geschlossen.
Einen sehr wichtigen Beitrag leisteten die Frauenvereine vor und während des Ersten Weltkrieges. Die Soldaten waren lausig ausgerüstet, die Depots der Armee konnten keine gute Unterwäsche und keine warmen Socken liefern. Dem Aufruf der Regierung, für die Männer im Aktivdienst Socken zu stricken und Tenues zu flicken, entsprachen die Frauenvereine umgehend. Die Bezahlung war zwar nicht opulent. Aber die Aufträge der Armee gaben vielen Frauen einen Zustupf in die knappe Familienkasse und trockene Füsse und warme Unterwäsche hoben die Moral der Soldaten ungemein. Heute nennt man das eine Win-Win-Situation.
Die sehr patriarchalische Regierung wollte sich jedoch nicht mehr auf dem linken Fuss erwischen lassen. Dermassen von den Leistungen der Frauen abhängig zu sein, das wollten die Herren für die Zukunft vermeiden. Beim Ausbruch des zweiten Weltkrieges waren die Lager der Armee gefüllt mit Industrieware und man ignorierte die Anfragen der Frauenvereine um Zuteilung von Flickarbeiten und um Strickaufträge für Wollsocken. Viele Frauen waren durch die Abwesenheit der Männer in finanzieller Not und hätten solche Heimarbeiten sehr gut gebrauchen können.
Die Jahre in und um die Weltkriege waren überhaupt schlechte Zeiten für die Sache der Frau. Die Politik hatte sich voll der «Geistigen Landesverteidigung» verschrieben. Das bedeutete, die Familie wurde als Grundpfeiler einer wehrhaften, erfolgreichen Schweiz verherrlicht. Die Verantwortung für das Funktionieren dieses Modells wurde den Frauen untergeschoben. Frauen hatten nicht berufstätig zu sein, sondern sollten sich ganz ihrem Mann und den Kindern widmen. Es gab Kantone, die keine verheirateten Lehrerinnen beschäftigten! Die Schulzeiten wurden so festgeschrieben, dass eine ausserhäusliche Tätigkeit für Mütter praktisch unmöglich war. Seien wir ehrlich, sehr viel hat sich in dieser Beziehung bis heute nicht geändert.
Es gab und gibt aber Familien, wo es mehr als nur den Verdienst des Vaters braucht, um ein genügendes Einkommen zu generieren. Und es gab und gibt doch tatsächlich Frauen, die nicht nur Familien- sondern auch Berufsfrau sein möchten. Und hier öffnete sich ein neues Betätigungsfeld für die Gemeinnützigen Frauen. Kinderkrippen wurden benötigt. In Aarau fingen wir schon sehr früh an, ausserhäusliche Betreuungsangebote zu initiieren und zu unterstützen. Bereits 1932 ist in einem Protokoll erwähnt, dass die GFA zusammen mit anderen Frauenvereinen in Aarau im Hammer (später an der Mühlemattstrasse) einen Hort betrieben. Es war eine unleidige Plackerei, für die Kinder einen gemütlichen Raum und gutes Essen zu finanzieren. Die öffentliche Hand war in dieser Beziehung sehr zurückhaltend, aber sie half immerhin bei der Raumsuche. 1974 wurde die Kinderbetreuung bei den GFA so richtig professionell. Sie übernahmen die Kita Telli und erweiterten bis 2024 das Angebot auf zwei Kitas und zwei Horte, alle vier Betriebe auf dem Aarauer Stadtgebiet.
Schon 1898 wurde das wohl finanziell grösste Abenteuer der Gemeinnützigen Frauen Aarau gestartet. Sie übernahmen die Verantwortung für den Betrieb eines «Töchterheims». Sie stemmten die riesige Herausforderung, die Liegenschaft an der Laurenzenvorstadt 115 zu kaufen. Es war nur möglich, weil die Verkäuferin einen sehr moderaten Preis für das Haus verlangte und das dazugehörende Land dem Verein schenkte. Zusammen mit dem Vereinsvermögen, grosszügigen Spenden und mit Hypotheken schafften es die GFA, das alte Haus zu erwerben. Die Instandhaltung, die Reparaturen und Anschaffungen waren ein stetes Thema an den Sitzungen. Das Geld fehlte an allen Ecken und Enden, aber die Frauen machten es möglich, den Schülerinnen ein gemütliches und bezahlbares Logis anzubieten. Es war eine mühselige Bettelei bei Bund, Kanton und Stadt, um Subventionen zu bekommen, damit der Verein den jungen Frauen aus nicht so gut bemitteltem Elternhaus einen Ort zum Wohnen und Essen offerieren konnten. Die Schülerinnen besuchten die Mittelschulen in Aarau und konnten, da dannzumal weder der öffentliche noch der Privatverkehr ausgebaut waren, nach der Schule nicht nach Hause reisen. Die Beiträge, die den jungen Frauen für Kost und Logis belastet werden konnten, deckten den Betrieb nicht. Der Staat war aber sehr knausrig, jeder Rappen musste zwei oder drei Mal umgedreht werden. Aber noch heute sprechen die älteren ehemaligen Kantischülerinnen vom «Zwinger», wie das heutige Haus Magnolia zu jener Zeit mehr oder weniger liebevoll genannt wurde. Das Haus war seit Eröffnung meistens voll ausgelastet, maximal 20 junge Frauen konnten beherbergt werden. 1963 war die Rede von der Anschaffung einer Abwaschmaschine. Entweder die oder eine Lohnerhöhung für die Heimleiterin waren gefordert. Die Abwaschmaschine wurde angeschafft: Kostenpunkt Fr. 9’000. Würden Waschmaschinen in Prozent zu den Löhnen noch gleich viel kosten wie 1963, müsste der Betrieb heute nicht weniger als Fr. 57’752 hinblättern! Das Töchterheim war ein Fass ohne Boden, was die Finanzen anbelangte. Ständig musste beim Kanton und der Stadt um Subventionen gebettelt werden. Eigentlich ein Hohn, denn die GFA übernahmen mit der Führung des Töchterheimes eine Aufgabe, die der Kanton – rein rechtlich gesehen – hätte erfüllen müssen. Die GFA steckten über die Jahre eine erkleckliche Summe Geld in den Betrieb des Töchterheimes. Nicht immer waren die Frauen aus dem Team der Brockenstube glücklich darüber, dass ein grosser Teil des von ihnen erwirtschafteten Geldes in den Betrieb des «Zwingers» floss. Erst in den letzten Jahren des Töchterheimes war die Politik bereit, das Betriebsdefizit zu übernehmen. Im Juni 1985 verliess die letzte Schülerin den «Zwinger». Der Bedarf nach ausserhäuslicher Kost und Logis war nicht mehr gegeben. Die GFA vermieteten das grosse Haus der Stadt Aarau für ein Asylheim. Das hatte sich aber nicht bewährt. Nach 6 Jahren wurde der Mietvertrag nicht mehr erneuert und umfangreiche Renovationen mussten getätigt werden. Seit 1994 bietet das Haus Magnolia Aussenwohngruppen der Stiftung Schloss Biberstein ein schönes Zuhause.
Haushaltshilfe und Mahlzeitendienst
Ein anderes Ressort, das sich in jenen Jahren wandelte, war die Haushaltshilfe für Betagte. Sie wurde im Jahr 1974 auf- und vom drei Jahre zuvor gegründeten «Mahlzeitendienst» abgelöst. Zehn Jahre zuvor war die Haushalthilfe noch sehr gefragt. Die aufkommende Konkurrenz durch professionelle Heimpflegedienste liessen die Nachfrage drastisch sinken. Der Mahlzeitendienst hingegen war von Anfang an ein voller Erfolg. Frauenvereine aus der Umgebung schlossen sich dem Projekt an und so wurden in den letzten Jahren dieses Services 12’000 Mahlzeiten verteilt. 1971 kostete ein nach Hause geliefertes, tiefgefrorenes Essen Fr. 3.20, im Jahre 2010 waren es dann Fr. 10. Der Dienst wurde 2010 eingestellt. Die Konkurrenz durch die Grossverteiler und den Mahlzeitendienst von Pro Senectute machte ein wirtschaftliches Agieren unmöglich.